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Physiologie und Wuchsgesetze

Das Gesetz der Schnittwirkung

Jeder Schnitt an einem Baum ist ein gezielter Eingriff, der eine vorhersagbare Reaktion auslöst. Das grundlegendste Prinzip dabei ist das Gesetz der Schnittwirkung: Ein starker Rückschnitt führt zu starkem Austrieb. Aber warum ist das so?

Ein Baum strebt immer nach einem Gleichgewicht zwischen seiner Wurzelmasse und seiner Blattmasse. Die Wurzeln speichern Energie und versorgen die Krone mit Wasser und Nährstoffen. Die Blätter wiederum produzieren durch Photosynthese Zucker, der den gesamten Baum, einschließlich der Wurzeln, ernährt. Schneiden wir nun einen großen Teil der Krone weg, gerät dieses Verhältnis aus dem Gleichgewicht. Die Wurzelmasse ist plötzlich überdimensioniert für die verbliebene Anzahl an Knospen.

Die Folge: Die gesamte Kraft der Wurzeln konzentriert sich auf die wenigen verbliebenen Knospen in der Nähe der Schnittstelle. Diese treiben daraufhin explosionsartig aus und bilden lange, steile Triebe, die oft als Wasserschosse bezeichnet werden. Der Baum versucht so, das verlorene Blatt-zu-Wurzel-Verhältnis schnellstmöglich wiederherzustellen. Ein leichter Schnitt hingegen stört das Gleichgewicht nur minimal und führt zu einer entsprechend schwachen Reaktion.

Starker Schnitt = Starke Reaktion (vegetatives Wachstum) Schwacher Schnitt = Schwache Reaktion (fördert Fruchtholz)

Die Rolle der Hormone: Apikaldominanz

Um die Reaktion des Baumes noch genauer zu steuern, müssen wir die Hormonsteuerung verstehen. Das Schlüsselkonzept hier ist die (Spitzenförderung). Die oberste Knospe eines Triebes, die Endknospe, wächst am stärksten und unterdrückt gleichzeitig das Wachstum der darunter liegenden Seitenknospen.

Verantwortlich dafür ist das Wachstumshormon , das in der Triebspitze gebildet wird und mit dem Saftstrom nach unten fließt. Solange die Endknospe intakt ist, signalisiert der stetige Auxinfluss den Seitenknospen: „Bleibt ruhig, ich übernehme das Wachstum.“

Entfernen wir durch einen Schnitt die Endknospe, unterbrechen wir die Auxin-Produktion. Der hemmende Einfluss auf die Seitenknospen fällt weg. Die direkt unter der Schnittstelle liegenden Knospen werden „geweckt“ und treiben aus – oft mehrere gleichzeitig. In Kombination mit dem oben beschriebenen Energieüberschuss aus den Wurzeln erklärt dies die typische Verzweigung nach einem Schnitt.

Steil, Flach, Fruchtbar

Die Wuchsrichtung eines Astes hat direkte physiologische Konsequenzen. In steil wachsenden Ästen kann das Auxin ungehindert nach unten fließen. Dies fördert die Apikaldominanz und ein starkes Längenwachstum. Solche Triebe sind „Saftautobahnen“, die vor allem in die Bildung von Holz und Blättern (vegetatives Wachstum) investieren.

In flach oder waagerecht wachsenden Ästen wird der Saftstrom hingegen verlangsamt. Das Hormon Auxin und wachstumsfördernde Substanzen können nicht so leicht abfließen. Gleichzeitig sammeln sich durch die Photosynthese gebildete Zucker (Assimilate) in diesen Ästen an. Dieses Nährstoffplus bei gleichzeitig geringerer Wuchskraft regt den Baum an, in diesen Bereichen Blütenknospen und somit Fruchtholz für das nächste Jahr anzulegen (generatives Wachstum).

Die Baumschnittmaßnahme ermöglicht es den Obstbauern, das Wachstum eines Baumes in eine optimale Form zu lenken.

Dieses Wissen nutzen wir beim Schnitt gezielt aus. Indem wir steile Triebe entfernen oder in eine flachere Position binden, reduzieren wir das vegetative Wachstum. Wenn wir einen Trieb über einer nach außen weisenden Knospe schneiden, fördern wir einen flacheren Austrieb. Das Ableiten des Saftstroms auf einen flacheren Seitenast bremst die Wuchskraft der Astpartie und lenkt die Energie in die Fruchtbildung. So formen wir nicht nur die Krone, sondern steuern aktiv den Ertrag des Baumes.

Zeit, Ihr Wissen zu überprüfen.

Quiz Questions 1/5

Was ist die direkte Folge eines starken Rückschnitts an einem Baum, gemäß dem Gesetz der Schnittwirkung?

Quiz Questions 2/5

Welches Hormon ist hauptsächlich für die Apikaldominanz (Spitzenförderung) verantwortlich und unterdrückt das Wachstum der Seitenknospen?

Mit dem Verständnis dieser physiologischen Gesetze wird der Baumschnitt von einer reinen Formsache zu einem Dialog mit dem Baum, bei dem Sie seine Reaktionen gezielt für Gesundheit und Ertrag nutzen.