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Konfliktentstehung und Autopoiese

Die Macht des „Nein“

Jede Interaktion beginnt mit einem Angebot zur Kommunikation. Oft wird dieses angenommen und ein Gespräch entwickelt sich. Manchmal jedoch wird es abgelehnt. Ein einfaches „Nein“ kann mehr sein als nur eine Meinungsverschiedenheit; es kann die Geburtsstunde eines neuen sozialen Systems sein: eines Konflikts.

Nach dem Systemtheoretiker Klaus Eidenschink ist es genau diese „Nein-Stellungnahme“, die eine entscheidende Grenze zieht. Wenn ein Kommunikationsangebot nicht nur abgelehnt, sondern diese Ablehnung selbst zum Thema wird, entsteht eine neue Dynamik. Das System verlagert seinen Fokus von der ursprünglichen Sachebene auf die Beziehungsebene. Es geht nicht mehr um die Frage „Wollen wir Pizza oder Pasta essen?“, sondern darum, warum der andere Vorschlag abgelehnt wurde und was diese Ablehnung über die Beziehung aussagt.

Sich selbst erhaltende Systeme

Sobald ein Konflikt entstanden ist, beginnt er, sich selbst zu erhalten. Er funktioniert nach dem Prinzip der , einem Konzept, das ursprünglich aus der Biologie stammt. Ein autopoietisches System erzeugt und erhält die Elemente, aus denen es besteht, kontinuierlich selbst. Ein Konfliktsystem tut genau das: Es nutzt jede neue Information, jede Geste und jedes Wort, um die eigene Existenz zu bestätigen und fortzusetzen.

Innerhalb dieses Systems wird Kommunikation nach einer eigenen Logik verarbeitet – der Konfliktlogik. Eine neutrale Frage kann als Angriff gewertet werden, ein Friedensangebot als listige Falle. Das System ist selbstreferenziell; es bezieht sich ständig auf sich selbst und die bisherige Konfliktgeschichte. Jede Handlung wird zu einem weiteren Baustein, der das System stabilisiert und es schwierig macht, auszubrechen.

Innerhalb des Konflikts bewegen sich die Beteiligten in unterschiedlichen Sinnhorizonten. Jeder hat seine eigene Wahrnehmung der Realität, seine eigene Geschichte des Konflikts und seine eigenen Annahmen über die Motive des anderen. Diese subjektiven Welten sind für die Gegenseite oft unsichtbar. Was für den einen eine logische Konsequenz ist, erscheint dem anderen völlig irrational. Diese Trennung der Sinnhorizonte ist ein zentrales Merkmal, das die Eigendynamik des Konflikts antreibt. Jede Seite fühlt sich im Recht und missverstanden, was die Mauern zwischen ihnen weiter erhöht.

Die Erwartungsfalle

Konflikte werden besonders stabil, wenn enttäuscht werden. Hierbei geht es um eine Meta-Ebene der Kommunikation: Ich erwarte nicht nur etwas von dir, sondern ich erwarte auch, dass du bestimmte Erwartungen an mich hast. Ein Beispiel: Ich erwarte von meinem Kollegen, dass er pünktlich ist (Erwartung). Gleichzeitig erwarte ich, dass er von mir erwartet, flexibel zu sein, falls er sich doch einmal verspätet (Erwartungs-Erwartung).

Wenn der Kollege nun zu spät kommt und ich verärgert reagiere, ist er möglicherweise überrascht. Er hat vielleicht erwartet, dass ich Verständnis zeige, weil er von mir erwartet hat, flexibel zu sein. Die Enttäuschung findet auf beiden Seiten statt, aber auf unterschiedlichen Ebenen. Diese doppelten Enttäuschungen sind ein starker Treibstoff für Konflikte. Sie schaffen ein Gefühl von Unvorhersehbarkeit und Misstrauen, das die Konfliktlogik weiter verfestigt.

Einen Konflikt zu verstehen bedeutet also, ihn nicht als einfache Auseinandersetzung zwischen zwei Personen zu sehen, sondern als ein eigenständiges System mit eigenen Regeln. Er ist nicht einfach das Ergebnis von schlechter Kommunikation, sondern eine neue Form der Kommunikation, die ihre eigene Stabilität sucht. Die Lösung liegt oft nicht darin, wer im ursprünglichen Streitpunkt „Recht“ hatte, sondern darin, die autopoietische Schleife zu durchbrechen und aus der Konfliktlogik auszusteigen.

Quiz Questions 1/5

Was ist laut dem Text der entscheidende Auslöser für die Entstehung eines Konfliktsystems?

Quiz Questions 2/5

Das Konzept der „Autopoiese“ bedeutet im Kontext eines Konflikts, dass das System...